Die Ausbildungsskala: Eine Geschichte über Krieg, Pferde und eine Idee, die bis heute trägt
Aktualisiert: 8. Okt.
Es gibt Dinge im Reitsport, die nehmen wir als gegeben hin. Wir lernen sie, wenden sie an und geben sie weiter. Irgendwann fragen wir nicht mehr, woher sie eigentlich kommen. Die Skala der Ausbildung ist so ein Ding. Sechs Begriffe, die jeder Reiter kennt – und kaum einer weiß, wer sie erfunden hat, warum sie in dieser Reihenfolge stehen und was eigentlich dahintersteckt. Dabei ist ihre Geschichte spannender als so mancher Krimi. Sie beginnt nicht in einer Reithalle, nicht in einem Turnierstall und nicht bei einem berühmten Ausbilder. Sie beginnt in einem Krieg.
Die Wurzeln: Heeresdienstverordnung 1912
Um die Ausbildungsskala zu verstehen, müssen wir weit zurückgehen. Ins Jahr 1912. Das Deutsche Kaiserreich rüstete auf, und das Militär brauchte eines vor allem: funktionierende Pferde. Nicht elegante Pferde, nicht harmonisch tänzelnde Pferde. Sondern Pferde, die im Feld bestehen konnten. Pferde, die gehorchten, die taktmäßig gingen, die durchlässig waren und die den Reiter trugen, ohne zusammenzubrechen.
Damals entstand die Heeresdienstverordnung, kurz HDV 12. Sie war kein Ausbildungsleitfaden für den Sport, sondern ein militärisches Regelwerk. In diesem Regelwerk wurden die Begriffe festgeschrieben, die wir heute noch kennen: Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung und Versammlung. Was viele nicht wissen: Die Reihenfolge, in der wir die Skala heute lehren, stand schon damals fest. Nur ein Begriff hieß anders. Was wir heute „Schwung“ nennen, wurde in der HDV 12 mit „Entwicklung der Schubkraft und des Ganges“ beschrieben.
Die letzten Änderungen an der HDV 12 erfolgten am 18. August 1937. Zu diesem Zeitpunkt war die Skala bereits vollständig formuliert – in genau der Reihenfolge, die bis heute Gültigkeit hat.

Die Kavallerieschule Hannover und die Remonte-Ausbildung
Doch die HDV 12 war nur das schriftliche Regelwerk. Die eigentliche Ausbildung fand woanders statt: in der Kavallerieschule Hannover und vor allem in der Remonte-Ausbildung der berittenen Schwadronen. Remonten – das waren die jungen, unausgebildeten Pferde, die direkt von der Weide kamen. Sie mussten in kürzester Zeit zu militärisch nutzbaren Reitpferden ausgebildet werden. Nicht mit Gewalt, sondern mit System.
Die Reitlehrer vor Ort kannten die „Grundsätze der Ausbildung“ und beachteten sie als einzuhaltende Kriterien für die Ausbildung junger Pferde im ersten und zweiten Ausbildungsjahr. Der Begriff „Skala der Ausbildung“ fiel damals übrigens noch nicht. Man sprach von den „Grundsätzen der Ausbildung“. Aber die Idee war bereits da: ein klarer, logischer Weg, auf dem ein Pferd vom rohen Jungtier zum verlässlichen Partner wird.
Horst Niemack: Der Mann, der der Skala ihren Namen gab
Nach dem Zweiten Weltkrieg war vieles zerstört – auch die Strukturen der deutschen Reiterei. Die Kavallerie war Geschichte, die militärische Reiterei aufgelöst. Was blieb, war das Wissen. Und Menschen, die dieses Wissen weitergaben. Einer von ihnen war Horst Niemack. General a.D., Angehöriger der Kavallerieschule vor dem Krieg, danach in Hoya und Verden tätig – und schließlich Leiter der Deutschen Reitschule in Warendorf.
Niemack war es, der Ende der 1950er Jahre den Begriff „Skala der Ausbildung“ in den Vordergrund stellte. In zahlreichen Vorträgen erläuterte er die Punkte der Skala und machte sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Was bis dahin nur in militärischen Dienstvorschriften gestanden hatte, wurde nun zum Allgemeingut der Reiter. Dass die Skala der Ausbildung eine so große Bedeutung erlangte – bis heute ist sie die Grundlage jeder klassischen Ausbildung – ist im Wesentlichen auf Niemacks Bemühungen zurückzuführen.
Paul Stecken: Der Chronist der Ausbildungsskala
Wenn man heute etwas über die Entwicklung der Skala nachlesen will, kommt man an einem Namen nicht vorbei: Paul Stecken. Stecken (1916–2016) war international anerkannter Ausbilder und Dressurrichter. Er leitete 36 Jahre lang die Westfälische Reit- und Fahrschule in Münster – eine Institution, in der auch Reiner Klimke seine Ausbildung begann. Klimke, der später mit Ahlerich mehrfach Olympiasieger wurde.
Stecken war nicht nur Ausbilder, sondern auch Chronist. Er beschrieb die Entwicklung der Skala aus erster Hand: von der HDV 12 über Horst Niemack bis zur modernen Reitlehre. Seine Aufzeichnungen sind bis heute eine der wichtigsten Quellen, wenn es um die historische Entwicklung der Ausbildungsskala geht.
Was die Skala eigentlich ist – und was nicht
Jetzt, wo wir die Geschichte kennen, wird klar: Die Skala der Ausbildung ist kein Produkt der Sportwelt. Sie ist ein militärisches Erbe. Genau deshalb ist sie so klar, so logisch und so unbestechlich. Sie wurde für Pferde geschrieben, die im Feld funktionieren mussten – unter widrigsten Bedingungen. Ein Pferd, das dort nicht durchlässig war, gefährdete den Reiter.
Doch die Skala ist kein starres Programm. Das wird oft missverstanden. In der modernen Reitlehre wird sie als „Zahnradmodell“ verstanden: Jedes Element greift in die anderen. Eine mangelnde Losgelassenheit beeinträchtigt unweigerlich den Takt und die Anlehnung. Ohne korrekte Geraderichtung ist eine reelle Versammlung unmöglich. Kein Punkt darf isoliert betrachtet werden – alles hängt miteinander zusammen.
Das übergeordnete Ziel ist ein durchlässiges Pferd: ein Pferd, das in körperlicher und psychischer Hinsicht zu einem angenehmen, gehorsamen und vielfältig ausgebildeten Reitpferd wurde. Ausbilden ist kein Abrichten, kein Dressieren – sondern eine systematische Gymnastizierung.
Und die Basis dieser Skala ist die Zwanglosigkeit: die physische und psychische Entspannung, die in jedem Stand der Ausbildung erhalten bleiben muss, um die volle Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit des Pferdes zu erhalten. Ein Verlust der Zwanglosigkeit hat meist auch einen Verlust des Taktes zur Folge – und immer den Verlust der Losgelassenheit.
Die sechs Stufen: Was sie bedeuten
Takt
Takt beschreibt die zeitliche und räumliche Gleichmäßigkeit aller Schritte, Tritte und Sprünge. Das Pferd soll seinen natürlichen, reinen Rhythmus auch unter dem Reiter beibehalten.
Losgelassenheit
Losgelassenheit ist der Zustand, in dem die Muskulatur des Pferdes ohne Zwang und Anspannung arbeitet. Ein losgelassenes Pferd schwingt durch den ganzen Körper, kaut zufrieden und lässt die Hilfen weich durch.
Anlehnung
Anlehnung beschreibt die Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul. Sie soll dem Pferd die Sicherheit geben, das Gleichgewicht unter dem Sattel zu finden.
Schwung
Schwung ist die Energie, die aus der Hinterhand durch den gesamten Körper nach vorne oben schwingt. Sie entsteht durch aktives Untertreten der Hinterbeine.
Geraderichtung
Geraderichtung ist der Ausgleich der natürlichen Schiefe des Pferdes. Ein gerades Pferd kann es nur geben, wenn Reiter und Pferd ausbalanciert sind.
Versammlung
Versammlung ist der Gipfel der Skala. Das Pferd verlagert sein Gewicht vermehrt auf die Hinterhand, wird leichter in der Vorderhand und trägt sich selbst.
Die Modernisierung: Gleichgewicht als siebter Punkt
So klar die Skala auch ist – sie blieb nicht stehen. In der überarbeiteten Version der Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1 (FN-Verlag, 2012) wurde die Ausbildungsskala um den Punkt Gleichgewicht erweitert. Damit wurde der Tatsache Rechnung getragen, dass Gleichgewicht nicht nur ein Ergebnis, sondern eine Grundvoraussetzung ist – für jede Gangart, jede Lektion und jede Bewegung.
Ein Gedanke zum Schluss – und ein Parameter, der oft übersehen wird
Die Skala der Ausbildung beschreibt den logischen Weg, ein Pferd über sechs aufeinander aufbauende Stufen zu gymnastizieren. Sie wurde vor über hundert Jahren formuliert, für militärische Zwecke, und hat bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren.
Und doch gibt es einen Parameter, der in dieser ganzen Geschichte selten erwähnt wird – und der die Skala von der ersten Sekunde an beeinflussen kann: der Sattel. Ich habe diese Skala in meiner Ausbildung gelernt. Ich habe sie als Trainerin gelehrt. Und ich habe sie jahrelang angewendet, ohne zu verstehen, dass ich eine Variable übersehen hatte. Der Sattel ist keine Nebensache. Er ist das Bindeglied zwischen Reiter und Pferd. Und wenn dieses Bindeglied nicht passt, dann kann die Skala der Ausbildung noch so perfekt sein – sie wird nicht funktionieren.
Deshalb ist es meine Aufgabe als Sattelspezialistin, dafür zu sorgen, dass dieses Fundament stimmt – bevor der erste Schritt getan wird.
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Die Bedeutung der Ausbildungsskala für Reiter:innen und Pferdebesitzer:innen
Die Ausbildungsskala ist nicht nur ein theoretisches Konzept. Sie hat praktische Auswirkungen auf die tägliche Arbeit mit deinem Pferd. Wenn du die Stufen der Skala verstehst und anwendest, kannst du die Beziehung zu deinem Pferd verbessern.
Die Rolle des Reiters
Als Reiter:in bist du der Schlüssel. Deine Fähigkeit, die Prinzipien der Skala zu verstehen und anzuwenden, beeinflusst direkt die Ausbildung deines Pferdes. Es ist wichtig, dass du die einzelnen Elemente der Skala in deiner täglichen Arbeit berücksichtigst.
Die Verbindung zwischen Reiter und Pferd
Eine gute Verbindung zwischen dir und deinem Pferd ist entscheidend. Die Ausbildungsskala hilft dir, diese Verbindung zu stärken. Wenn du die Stufen der Skala berücksichtigst, förderst du das Vertrauen und die Zusammenarbeit.
Die langfristigen Vorteile
Die Anwendung der Ausbildungsskala hat langfristige Vorteile. Ein gut ausgebildetes Pferd ist nicht nur sicherer, sondern auch leistungsfähiger. Du wirst die Fortschritte deines Pferdes schneller sehen und die gemeinsame Zeit noch mehr genießen.
Fazit
Die Ausbildungsskala ist ein bewährtes Konzept, das seit über hundert Jahren besteht. Sie bietet einen klaren und logischen Rahmen für die Ausbildung von Pferden. Wenn du die Prinzipien der Skala verstehst und anwendest, kannst du die Ausbildung deines Pferdes erheblich verbessern.
Ich hoffe, dieser Einblick in die Ausbildungsskala hat dir gefallen und inspiriert dich, mehr über die Ausbildung deines Pferdes nachzudenken. Lass uns gemeinsam dafür sorgen, dass dein Pferd die bestmögliche Ausbildung erhält!
📚 QUELLENVERZEICHNIS zu diesem Artikel:
Paul Stecken: „Die Entwicklung der Skala der Ausbildung“ – Dressur-Studien, 2007. Paul Stecken (1916–2016), international anerkannter Ausbilder und Dressurrichter, leitete 36 Jahre die Westfälische Reit- und Fahrschule. Er beschreibt die historische Entwicklung von der HDV 12 über Horst Niemack bis zur heutigen Skala.
Wikipedia: „Ausbildungsskala“ – Enthält die sechs Stufen, das übergeordnete Ziel der Durchlässigkeit, die Basis der Zwanglosigkeit und die Erweiterung um den Punkt Gleichgewicht im Jahr 2012.
Dressur-Studien: „Die Ausbildungsskala: Das Zahnradmodell“ – 2015. Fachmagazin für faire Pferdeausbildung. Erklärt das Zahnradmodell und die Verzahnung der einzelnen Punkte.
VFD – PferdeABC-Tipp: „Die tägliche Arbeit mit Takt, Losgelassenheit und Co“ – Erklärt die sechs Punkte der Skala und ihre Verzahnung.
Heeresdienstverordnung (HDV 12) – Ausgabe 1937. Ursprung der Skala der Ausbildung mit allen Begriffen in der heute gültigen Reihenfolge.
Achtung: Die Bilder in dem Beitrag sind KI-generiert. Wer sich für das Buch interessiert - hier ein Link-Tipp:




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